\"Haltet euch fern von den weissen Linien!\"



  • Heute ist alles anders. Ich nehme mir kein bestimmtes Thema vor, dass ich in aller Nachdringlichkeit bis zur Unkenntlichkeit bearbeite, sondern heute schreibe ich konfus ins Blaue hinein, weil ich mich schlichtweg langweile. Jeder der mich kennt weiss, dass die schlimmsten Dinge geschehen, wenn ich mich langeweile, deswegen sollte jeder, der sich in seiner momentanen Konstitution nicht einem verbalen Rundumschlag gegen die ganze Welt gewachsen fühlt, möglichst schnell seine Augen um Abbruch mit dem Wortfluss bemühen, denn einmal verstrickt, gibt es kein zurück.



    Ihr fragt Euch, wie sich ein interessanter Mensch wie ich langweilen kann und es gibt dafür einen triftigen Grund. Ich bin in Köln bei AnnA, was eigentlich zunächst kein Grund wäre, doch muss sie leider arbeiten und ich hatte nichts Besseres zu tun, als direkt nach dem Aufwachen um Punkt 11°° Uhr den Fernseher einzuschalten um mir die Auslosung der WM-Gruppen anzusehen. Die erste halbe Stunde ertrage ich die halbherzig zusammengeschusterten deutschen „Hintergrundberichte“ noch heldenhaft, sehe Traumtore, denen ich nichts Besonderes abgewinnen kann, die ganz offensichtlich willkürlich von einem Sportreporter mit ca. drei Promille Restalkohol unter extremen Zeitdruck im Schneideraum zusammengeschustert wurden, sehe Höhe- und Tiefpunkte in der Nachkrieglichen Geschichte der deutschen Nationalmannschaft, Zusammenhanglose Bilder, denen dogmatische Vokabeln unterlegt sind.



    Doch was uns die koreanischen Gastgeber dann vorsetzen, ist der blanke Hohn. „Endlich findet eine WM in Asien statt. Da bieten wir mal was“, dachte sich wohl so ein kleiner, homosexueller, asiatischer Eventmanager und lässt richtig auffahren. Eigentlich kannte ich Kulturneid bislang nur aus Amerika, doch anscheinend neidet auch der fernöstliche Sektor die europäische Geschichte wie längere Genitalien, denn zunächst stellen die koreanischen Philharmonika ihr Können unter Beweis; erträglich, ABER noch lange nicht Höhepunkt der Peinlichkeiten. Danach beginnen die Tanzaktivitäten, die mich doch unweigerlich an diese nervtötenden Olympia-Eröffnungsfeiern erinnern. Es geht doch nur um eine Auslosung.



    Vermutlich wollen die Gastgeber ein klares Zeichen für ihre Gäste setzen. Man verfolgte auch den europäischen Fussball in der letzten Zeit und so gab es der skandalösen Jubelszene mit zwischenmännlichem, delikatem Körperkontakt wohl selbst im fernen Land der aufgehenden Sonne kein vorbei. Freudig greifen die Japaner dieses outing des europäischen Spitzensports auf und richten ihre Auslosungsfeier auf den homosexuellen Geschmack aus und rufen den zuschauern zu: „Küsst Euch jubelnd, wo es am schönsten ist, denn bei uns ist es seit jeher Tradition, dass sich junge Samurais an gediegene Meister ihres Faches halten und für ein gewisses Mass an körperlicher Zuneigung, Weissheit und Finanzspritzen erlangen.“ Wer von uns sah nicht bereits den Kultfilm „Tokyo Decadence“ und weiss seitdem, dass... ABER das gehört nicht in einen Text, der auch von dem ein oder anderen Minderjährigen gelesen werden könnte.



    Ich kann mir das Gehampel nicht länger antun und schalte auf BBC um, wo sich gerade zwei englische Fussballexperten mit einem Moderator über die WM-Teilnehmer unterhielten. Offensichtlich wissen englische Experten nicht mehr als deutsche Experten und so prophezeite der ein, Deutschland sei immer stark und werde schon bei der WM für Aufsehen sorgen, wohingegen der Andere seinem patriotisch verwurzelten Kontinentalhass und Wirtschaftsneid freien Lauf liess und maximal eine glückliche Viertelfinalteilnahme vorhersagte.



    Zurück im Zweiten werden grosse Reden geschwungen, als seien sie vor vier Jahren bei der letzten Auslosung aufgezeichnet und jetzt von Band wieder abgespielt worden und wenn man ganz ganz genau hinhörte konnte man an den Stellen, an denen Namen oder Ländernamen vorkamen, einen kleinen Schnitt hören, da anstelle von „Frankreich“ ja nun „Japan und Korea“ gesagt werden musste. Wird dieser Blatter eigentlich immer dicker?



    Endlich ist die Zeit der Wahrheit gekommen. Was ist das? Unser aller liebster Rentnersender, das ZDF; lässt erst mal Werbung für Premiere World laufen. Hab ich da was verpasst? Und es kommt noch besser. Nach dem Werbeblock erfährt der verdutzte Zuschauer, dass man aus „signaltechnischen Gründen“ nicht die Ziehung live übertragen könne, das die Erklärung jedoch zu kompliziert sei und man die Viertelstunde Zeit ja nicht besitzen würde. Also kann ich mir kopfschüttelnd nach neunzigminütiger Tortur die Gruppenauslosungen und die Reaktionen darauf wirklich mitreissend vermitteln lassen von einem Poschmann, dem man seine letzte durchkokste Nacht noch deutlich anmerkte. Man könnte schon etwas schwungvoller reden, auch wenn hier die Gruppen für die Rentner- und Studenten-WM ausgelost wird, denn wer kann schon am Vormittag des Mais 2002 Fussball schauen, ausser Rentner, die zwischen Inkontinenzbedingten Verpflichtungen und dem ein oder anderen als „Nachdenken“ bezeichneten Mittagsschlaf mal versehentlich statt der Wiederholung von Peter Steiners Theaterstadl beim Sport landen und es erst beim Elfmeterschiessen merken und Studenten, die sich entweder den Wecker unnatürlich früh stellten oder nach durchzechter Nacht enthusiastisch jedwedes noch so unbedeutende Team anfeuern, solange es nur möglichst bunte Trikots vorzuweisen hat.



    Allem Ärger zum Trotz: ich habe die Prozedur überstanden. Deutschland in einer Wahnsinnsgruppe. Spielen wir nicht bei jeder Qualifikation gegen Irland? Ach ne, das war Nordirland, oder? ABER meine Damen und Herren – Moment, wo sollte eine Dame herkommen, die in der Zeitung einer virtuellen Fussballliga die Ausgeburt der Langeweile eines viel zu biederen Studenten liesst, den der Wecker der Freundin unnatürlich früh aus dem wohl verdienten Schlaf riss? – unterschätzen wir nicht die Ölkicker aus Saudi Arabien! Immerhin handelt es sich hierbei um potentielle Schläfer und die Pülverchen im Koffer des Mannschaftsarztes – und ich könnte wetten, dass er in Deutschland, vermutlich in Marburg, studiert hat – möchte ich nicht kontrollieren ohne in eines dieser lebensgrossen Kondome eingeschweisst zu sein. Unseren Kickern kann ich da nur ein ebenso ängstliches wie gut gemeintes „Haltet Euch fern von den weissen Linien!“ zu rufen. Ist unser Berti eigentlich noch Trainer in Saudi Arabien? Der weiss, wie man ein Team zu wirklich überraschenden Leistungen treibt. Und dann noch der heimliche Favorit Kamerun unter der deutschen Erfolgstrainerlegende Winfried Schäfer, der vor den deutschen Qualifikationsspielen gegen die Ukraine verlauten liess, die Deutschen mögen doch bitte gewinnen, damit er nicht der einzige Deutsche bei der WM sei, was mich nun entweder zu dem Schluss führt, dass entweder Berti nicht mehr Trainer der arabischen Flitzer ist, oder ihn Winfried Schäfer nach dessen unrühmlichen USA-Reise nicht mehr als Deutschen akzeptieren mag. Ob Kaiser Franz im Falle einer Nichtqualifikation dem Turnier fern geblieben wäre?



    In Japan dürfen unsere Lieblinge nun ihr Image wieder aufpolieren wie einen alten Küchentisch aus Holz, der jahrelang den kratzenden und klebenden Attacken bastelnder Kinderhände ausgesetzt war. Da wird schon eine Unmenge Einsatz und viel Erfahrung gefragt sein. Die haben immerhin die deutschen Offiziellen zu Tage gefördert und die Telephonleitungen zu alten Bekannten glühten vermutlich und die Spesenrechnungen der Fussballdiplomaten dürften ins Unermessliche geklettert sein, oder wie kann der Insider einem unbedarften Fernsehfussballkonsumenten wie mir erklären, weswegen Deutschland als knapp qualifiziertes Team gesetzt ist, während England nach einem 5:1-Sieg über eben jenes Spitzenteam ebenso wie Saudi Arabien ganz normal ausgelost wird? Da drängt sich fast die Vermutung aus, das die Drähte noch mehr glühten und die Spesen etwas höher ausfielen, so dass sich auch die Gruppengegner gut erklären lassen; In Japan findet die grösste deutsche Wiedervereinigung seit 1990 statt. Der Japaner liebt den Superlativ.



    Super finde ich auch meinen DSL-Anschluss. Ich bin nun seit einer Woche stolzer Besitzer einer flatrate und habe mir natürlich sofort „Tokyo Decadence“ aus dem Netz geladen um Studien über unseren kommenden Gastgeber zu betreiben. Allen, die da nun laut aufschreien und wild mit den Händen fuchtelnd auf meine unsoziale Einstellung deutend die nicht bezahlten Lizenzgebühren bilanzieren, sei ein dicker Knebel in den Mund gesteckt und wer dann immer noch undefinierbar lamentiert, habe meine Socken nach einer Stunde Squash zwischen seinen Zähnen, denn ersten habe ich natürlich ganz offiziell geladen und zweitens hätte ich den Film auch schon längst aus dem Fernsehen auf Video aufzeichnen können. Sowieso lade ich immer nur Filme und Lieder aus dem Netz, die ausdrücklich zum download freigegeben sind, da der wirtschaftliche Schaden unserer allseits geliebten deutschen Industrie den Gnadenstoss versetzen würde. Was ich mich allerdings ernsthaft frage: wenn ich eine Platte erstanden habe, das Stück jedoch auch gerne auf meiner Festplatte für die Ewigkeit fixiert wüsste, ist es dann legal, den Titel aus illegaler Quelle zu besorgen oder muss ich dann exakt meinen Tonträger einlesen?



    Gelesen dürfte der Leser nun genug haben, wie der Schreiber der Ansicht des Schreibers nach genug geschrieben hat. Ich hoffe, ich bin niemandem auf den Schlips getreten, dem ich nicht auf den Schlips treten wollte und habe weder zu viel versprochen, noch zu Beginn des Textes zu sehr gewarnt. Ich werde mich wieder an den Fernseher setzen und empfehle allen Lesern, sich noch mal intensiv mit „Dr. Jekyll und Mr. Hide“ zu beschäftigen! Das verstehen die Japaner ebenso wenig wie der durchschnittliche, mitteleuropäische Leser, doch Eingeweihte sehe ich vor meinem inneren Auge vor Lachen beinahe Tränen vergiessen.