
Natürlich sah ich kein einziges Mal die wahnwitzige FIFA-Situation, bei der alle Spieler in Erwartung einer Ecke von der Mittellinie einen Spurt hinlegen, da der Strafraum leerer als der Todesstreifen ist. Und oft saß ich vorm Fernseher, sah einen Angriff und dachte mit leichtem Abwinken: „Ah, und jetzt wieder so ein FRZ-Tor“, doch kam es nie. Doch ich kann mit Fug und Recht behaupten, durch FIFA Fußballspiele ganz anders zu sehen, immer ein Auge auf dem freien Mann und ich konnte doch den ein oder anderen Spielzug wiedererkennen, den ich selber schon erfolgreich praktizierte und noch häufiger gegen mich praktiziert wurde. Wer Anelka im Spiel Mailand gegen Paris nach Pass in die Tiefe davon flitzen sah, wundert sich über keinen 7er Schnelligkeits-Stürmer mehr. Andererseits sah ich Prager Stürmer wie Sysiphus auf das Münchener Tor schiessen, doch jeder Ball kam zurück. Würde der FIFA-Kahn solche Reflexe an den Tag legen, ich wäre der Erste, der eine Beschwerde-mail an EA geschrieben hätte.
Wer erinnert sich nicht mehr an die Geburtsstunde des echten Realismus bei FIFA auch am PC. Konnten PS-Fifologen schon länger Regentropfen und Schneeflocken bei entsprechendem Wetter geniessen, war es am PC eine Sensation, nicht mehr den Regen nur am Ballverhalten zu erkennen. Na ja, nach FIFA 95 hat man sich auch über Eckfahnen gefreut. Nachteil am Wetter war lediglich, dass unsere geliebten EA-Jungs so stolz auf ihre Leistung waren, dass man, stellte man das Wetter auf zufällig und begann eine WM im Juni in Somalia, garantiert im Schnee spielte. Die Menschen würden sich wundern, hätten sie eine Ahnung, wie hoch die Schneewahrscheinlichkeit bei ihnen sein kann. Ganz zu schweigen von den Regenmengen in Brasilien. Nun haben wir Schiri-Assistenten, die mit der Fahne wedeln, als würden sie sich nach dem Spiel alle in der „Blue Oyster Bar“ treffen und ihre Erlebnisse bei einem gepflegten Tango verarbeiten.
Wer hat sich nicht schon gewundert, wieso man manchmal beim ersten Foul rot sieht und manchmal foult als sei man der Rasenmähermann und man hört selbst bei größter Anstrengung keinen Pfiff. Ich sah schon Spieler fallen, als rase eine Mähmaschine durchs Getreidefeld und ich fragte mich, ob der Schiri gerade für kleine Pfeifenköpfe ist oder vielleicht mit den Assistenten flirtet. Sei es ihm gegönnt, denn auch im Fernsehen sah ich Spieler fliegen, das meine Knochen aus Solidarität fast mit brachen und der Schiri lächelt und winkt weiter zu spielen. Ich denke, es macht FIFA ungemein realistischer, dass man sich über den Schiri aufregen kann und ruhig sollte und manchmal wünsche ich mir die dritte Halbzeit, in der ich im Ego-shooter-style über den Parkplatz robbe, um eine Zeitbombe am Auto des Spielleiters anzubringen.
Und die Krönung des Realismus ist ja traditionell der Kommentar. Noch klingen mir Werners Worte „Das hätte ein Schüüüler besser gemacht!“ in den Ohren, da wunder ich mich bei 01 schon hin und wieder, ob eigentlich wirklich mein Spiel kommentiert wird. Ich höre von Bällen, die in letzter Sekunde geklärt wurden, während ich im Mittelfeld aufbaue und welche Schüsse als knapp gesehen werden und was alles Glanzparaden sind. Ich habe den Kommentar abgeschaltet. Das hätte ich dann auch beinahe beim Fernseher getan, doch so blieb mir auch wirklich nichts erspart. Ich fordere von den EA-Programmierern nun auch noch den finalen Realismus in Form von Boris Becker als Halbzeit-Fußballexperten. Ich dachte, ich seh nicht recht. Boris Becker im Guiseppe Meaza Stadion. Naja, der Mann hat jetzt Zeit. Doch um so überraschter war ich zu hören, dass er eigens von RTL eingeflogen wurde, um über das Spiel Mailand gegen Paris zu berichten. Wieso? Seinen Sachverstand stellte er auch sofort unter Beweis, fasste er doch die erste Halbzeit zusammen mit: „Die Mailänder waren entweder mit elf Mann hinten oder vorne; später dann mit zehn.“, und dann lachte er ein wenig über seine eigene Auffassungsgabe, dass Mailand eine rote Karte erhalten hatte. Glaubt er wirklich, dass alle elf Spieler im Angriff waren. Mir drängt sich unweigerlich das Bild aller nach vorne laufender Spieler in Erwartung einer Ecke auf.
Boris rechtfertigte die durch ihn entstandenen Kosten allerdings nicht nur durch diese detailierte Analyse der ersten Halbzeit, sondern fungierte noch als Fußball-Augure. Die Frage ist, welchen Schwalbenflug er interpretierte, als er noch viele Tore prognostizierte. Nach dem Endstand gefragt tippte er auf 2:1. Es blieb beim 1:1. Wer will es ihm verübeln? Seine Stärken sind halt andere. Was hat er überhaupt mit Fußball zu tun? So weit ich weiß nichts ausser seiner Bayernfanschaft. Da hätten sicherlich einige Bayernfans Sinnvolleres von sich geben können.
Außerdem plädiere ich für eine Aufarbeitung des kompletten Spieltags durch Berti Vogts. Und sobald es in der VDFB eine Skisprung-Abteilung gibt, möchte ich Adam Malesz spielen.